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Eines der letzten Abenteuer

Mit "Offshore 98" erfüllten sich Radio-Freaks Ostern 1999 einen langgehegten Traum

Ein Feature von Björn Quäck


Viele Hörer glaubten zunächst an ein Phantom aus der ständig brodelnden Gerüchteküche. Doch mit einem halben Jahr Verspätung meldete sich "Offshore 98" über die Ostertage (2. bis 5. April 1999) und erwies sich als eines der spektakulärsten Projekte, das die freie Radio-Szene seit langem auf die Beine gestellt hat. Ein Wochenende sendete die Sonderstation auf Kurz-, Mittel- und Langwelle von einem Schiff in der Nordsee.


Kurzwellenpiraterie, freies Radio in Ostbelgien, Privatfunk in Deutschland - eigentlich war Helmut Peters an so ziemlich allem schon beteiligt gewesen, was einem Rundfunkmacher vorschweben könnte. Doch, halt, eines fehlte: ein Seesender! Einigen von Helmuts Mitstreitern aus den Tagen von Radio Benelux und Telstar ging es ebenso. "Die Idee hatten wir ganz lange in unseren Köpfen", erzählt er. Jahrelang schlummerte das Projekt, denn das Entscheidende dazu fehlte - ein Schiff. Eines, das man für eine kurze Zeit mieten konnte, groß genug für die Antennen und mit vertrauenswürdiger Besatzung. Dank Unterstützung aus dem Ausland fanden sich Kahn, Kapitän und Reederei.

Ursprünglich sollte es schon 1998, zum 40jährigen Jubiläum von Offshore-Radio in Europa, losgehen. Einige DJs hatten bereits auf der MV Communicator einige Programme dafür produziert. Wenige Tage nach der Aufnahme kaufte Q-Radio (1224 kHz) die schwimmende Radiostation auf dem Ijsselmeer. Die "Offshore 98"-Shows waren die letzten, die im Originalstudio des ehemaligen Seesenders Laser 558 entstanden sind. Ein Ort, der mit Bedacht gewählt worden war, damit die Programme - auch wenn sie nicht von hoher See kamen - das Offshore-Feeling herüberbringen mochten.

Über dem Projekt lag lange der Mantel der Geheimhaltung. Was keine einfache Sache ist, wenn mehrere Dutzend Leute in der Szene davon wissen. Etliche mögliche Mitstreiter sind in der Vorbereitungsphase wieder abgesprungen oder hatten gleich abgewunken. Auch meldeten sich warnende Stimmen wie die des Ex-Radio-Monique-Mitarbeiters Herbert Visser, der befürchtet hatte, die Aktion könne die seinerzeit diskutierte Lockerung der Seesendergesetze in den Niederlanden torpedieren.

Doch zunächst bewog der Herbststurm die Organisatoren, ihren ersten Sendeversuch am zweiten Oktoberwochenende 1998 kurzfristig ins Wasser fallen zu lassen. Im Jahr darauf, zu Ostern, wenn die Nordseewellen nicht so hoch schwappen, sollte der zweite Versuch gelingen. Der Name blieb unverändert, damit nicht alle bereits produzierten Jingles und Shows im Papierkorb landen mußten. Das nun für das Projekt gecharterte Schiff (34 Meter lang, sieben Meter breit, drei Masten) diente normalerweise für Angeltrips auf hoher See. Zur Abwechslung schipperte die vierköpfige Besatzung diesmal 13 Radio-Freaks auf die Nordsee, um außerhalb der 12-Meilen-Zone in internationalen Gewässern zu kreuzen.

Karfreitag um 18 Uhr MESZ begannen die ersten Tests. Der offizielle Sendestart folgte am Samstag um 7 Uhr MESZ. Fast zwei Tage blieb "Offshore 98" auf Sendung, bis gegen 1 Uhr MESZ in der Nacht zum Ostermontag Schluß war. Auf drei Bändern wollte sich "Offshore 98" melden: Langwelle, Mittelwelle und Kurzwelle. Die allermeisten Hörer (gut 70 Empfangsberichte sind in den ersten vier Wochen nach der Ausstrahlung eingetroffen) hatten die Station auf 6210 kHz geloggt. Chris Ise (Crazy Wave Radio) und Jens Martin (Radio Benelux) hatten ihre Ausrüstung mit aufs Schiff gebracht, zwei Kurzwellensender (100 bzw. 120 Watt) samt Halbwellendipol. Das Signal erreichte DXer in Italien, Spanien und Finnland, war in Deutschland aber eher mittelprächtig zu hören. Das mag, so Helmut, daran gelegen haben, daß die Antenne zu hoch aufgespannt war, von der Wasseroberfläche aus gemessen. Sieben bis acht Meter über Grund seien normalerweise optimal.

"Die Sender sind zwölf Stunden am Stück gelaufen", zeigte sich Chris Ise verblüfft über die Leistungsfähigkeit der Kühlung. Doch es wäre ein Wunder gewesen, hätte alle Technik problemlos funktioniert. "Der Mittelwellensender hat gut gequalmt", spielt Chris auf einen abendlichen Vorfall an. Jene Spule, die die Endstufe vor zurückfließender Hochfrequenz schützte, war durchgebrannt. Nächtliches Spulenwickeln stand nun auf dem Programm und war nach verschiedenen Versuchen auch von Erfolg gekrönt. Die Überlastung des Teils war offenbar eine Folge der durch mehrere Sender reichlich an Bord vorhandene und sich gegenseitig behindernde HF.

Der für 200 Watt ausgelegte Mittelwellen-TX hat tatsächlich nur einen Bruchteil seiner Leistung gebracht. 25 Watt, schätzt Helmut. Immerhin gab es Hörer an den Küsten Dänemarks, Englands, Hollands und Belgiens, die die Frequenz 1566 kHz empfangen konnten. Ein Experte aus London will auch die Langwelle 279 kHz beobachtet haben. "Aber das kann nicht stimmen", kommentiert Helmut den offensichtlichen Phantasie-Log. Die Premiere eines Seesenders in diesem Frequenzbereich war zugegebenermaßen kein durchschlagender Erfolg. Der Hauptmast erwies sich mit gut zwölf Metern Höhe zu kurz für den Vertikalstrahler. "Er hätte mindestens 15, 20 Meter haben müssen." Als Lösungsversuch wurde die Antenne zu der Form eines "S" gestaucht. Auf dem Schiff war daraufhin der ehemalige Flugfunksender aus DDR-Beständen (mit nominal 100 Watt) doch noch zu hören. Aber wohl auch nur dort.

Improvisiert war auch die Studiotechnik. Denn die Bedingungen, Radio zu machen, sind auf einem engen Schiff ganz anders als an Land. HF und NK können sich leicht in die Quere kommen. "Wir haben deswegen so einfache Geräte wie möglich mitgenommen", berichtet jener deutsche Profi-Moderator, der sich an Bord Walter König nannte. Die vorproduzierten Shows kamen deswegen alle von der guten alten Kassette, nicht von der neumodischen MD. Immerhin, die CD-Player haben doch noch mitgespielt. "Aber erst, nachdem wir sie dick mit Alufolie umwickelt haben." Wegen der HF-Einstrahlung mußte auch die Crew, die aber zuvor eingeweiht worden war, während des Sendewochenendes aufs Fernsehen verzichten.

Langeweile kam an diesem Osterwochenende sowieso keine auf. Sender und Antennen wurden komplett auf hoher See installiert. Neben viel Funkbastelei gab es etliche Stunden Live-Programme zu fahren, sogar mit Nachrichten, Wetterbericht, einem Hit-Tip sowie Reportagen über das, was in Kajüte, Kombüse und an Deck passiert - der "Bord-Report". Fürs Programm stand ein Paket mit 72 professionell produzierten Jingles zur Verfügung. Außer den bereits erwähnten DJs waren u.a. noch zu hören: Ron Visser, A.J. Beirens, Tommy Bollmann, Stephen Young, Paul Graham, Hans Knot, Bert de Graaf, Chet Reuter und Rob Devil.

Die Radio-Fans an Bord hingen nicht nur der verklärten Erinnerung an die glorreichen Tage von Caroline, Big L oder Radio Nordsee an. Einige hatten die Offshore-Zeiten gar nicht selbst mitbekommen; das Alter der Beteiligten reichte von 21 bis 50. "Nostalgie gehört natürlich auch dazu", erläutert Helmut. "Aber nicht nur." Es sei auch darum gegangen, vorzuführen, wie ein Seesender heute klingen könnte. Was einigen Hörern den Kommentar entlockte, manche Sendungen hätten sich zu sehr nach Kommerzradio angehört.

Aber auch aus einem ganz anderen Grund stieg die Spannung. Einmal schien ein anderes Boot das Sendeschiff zu verfolgen. Die Sender verstummten, der Kapitän gab volle Kraft voraus. Blinder Alarm. Das Schiff ging die ganze Tour über nie vor Anker. Die Nachtwachen mußten nicht nur ein Auge auf die Technik an Deck halten, sondern vielleicht auch einen bangen Blicke über die Nordsee werfen. Helmut hatte die Wahrscheinlichkeit, mit den Behörden Ärger zu bekommen, auf 50:50 eingeschätzt, also ziemlich hoch. Fast schien er ein wenig enttäuscht, als bei der Rückkehr niemand sie am Kai erwartete. "Wir sind aber alle doch froh darüber, daß nichts passiert ist."

Die Seekrankheit ließ die Landratten nicht völlig verschont. Chris: "Am ersten Abend kam bei mir der Fisch wieder raus." Das Meer war alles in allem aber bis auf den letzten Tag glatt. Walter: "Schlecht war mir nur vom Heineken." Doch niemand hatte etwas dagegen, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Nach vier Tagen endlich duschen... Eine Nachwirkung bekamen alle Teilnehmer noch tagelang zu spüren. An den Seegang hatten sie sich nämlich so gewöhnt, daß sie sich an Land taumelig fühlten, so die schwankenden Gestalten.

Die Erfahrung dieses Offshore-Wochenendes möchte Helmut nicht missen. Es entstehe eine ganz besondere Atmosphäre, wenn ein bunt zusammengewürfeltes Team aus verschiedenen Ländern in unkomfortabler Umgebung an einem gemeinsamen Ziel arbeitet. Außerdem lockte die Herausforderung, die Technik zu meistern. Wenn alles funktioniert hätte, wo wäre der Reiz geblieben? Helmut: "Das war ein richtiges Abenteuer." Und eine alles in allem geglückte Bewährungsprobe für gruppendynamische Kameradschaft außerdem.

Soll "Offshore 98 eine einmalige Sache bleiben? Helmut möchte die Aktion als Anregung auch für andere verstanden wissen, so etwas auf die Beine zu stellen. In jedem Fall wäre dies ein teurer Spaß, dessen Kosten von weit mehr als 10.000 Mark vermutlich viele abschrecken dürfte. Allerdings können Nachfolger auf die Erfahrungswerte vom Osterwochenende bauen. Eine gute Idee sei es gewesen, vorher genügend Programme aufgenommen zu haben - für den Fall, daß die Studioausrüstung ihren Dienst partout versage. Wenn's geht, sollten aber Live-Shows nicht fehlen. "Die Langwelle kann ich anderen nicht mehr empfehlen", resümiert Helmut. Die Kurzwelle habe sich als relativ unproblematisch erwiesen; 100 bis 200 Watt seien Leistungen, die recht gut zu handhaben seien. Nachts würde Helmut künftig lieber eine niedrigere Frequenz, zum Beispiel im 76-m-Band, nutzen. Für die 24 Meter Antennendraht würde bereits eine Segelyacht reichen. Bei einem zweiten Ausflug auf die Nordsee würde er keinen Dipol mehr spannen, sondern eine "inverted V". Zuviele parallellaufende Sender seien hingegen nicht ratsam. Und auf UKW zu senden, brächte nichts, wenn das Boot 30 Kilometer vor der Küste liegt und mit weniger als einem Kilowatt kein Signal mehr ankomme, bei den Hörern hinterm Deich.

 

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