Sie hatten einen irren Spaß daran
Ulf D. Posé über seine Rundfunkkarriere
Ulf D. Posé gehörte als "Pascal Posé" zur Diskjockey-Crew des gescheiterten Seesender-Projekts "Radio Nordsee", das Ende 1968 vom ehemaligen Radio-London-Sendeschiff Galaxy in der Deutschen Bucht starten sollte. 1970 arbeitete er dann unter dem Namen "Hannibal" tatsächlich bei der Offshore-Station RNI auf der Mebo II in internationalen Gewässern vor der niederländischen und englischen Küste. Bis 1980 war er anschließend als "Ullrich" dreieinhalb Jahre bei Radio Luxemburg und dann unter seinem eigenen Namen sieben Jahre beim WDR beschäftigt. Seit mehr als zwei Jahrzehnten arbeitet der Mönchengladbacher nun als Management- und Verkaufstrainer. Auf dem Radiotag in Erkrath im September 2003 sprach Dr. Martin van der Ven mit ihm (die kursiv gedruckte Teile entstammen einem anderen Gespräch mit Johannes Ruhr).
Bei diesem Icon hören Sie jeweils einen Radio Nordsee-Mitschnitt aus dem Jahr
1970.
Martin:
1968, also vor 35 Jahren, stand in einem Zeitungsartikel eine etwas
despektierliche Beschreibung: "Pascal Posé, 21 Jahre, kein Kind, zu
faul zum Abitur, Schlagersänger und Teeny-Moderator. Unterhält sich
drahtlos mit jungen Mädchen über Schmuck, Mode, Taschengeld,
Schularbeiten, Abwaschen und sonstige mögliche Probleme."
Dieser Bericht handelte von dem deutschen Seesender-Projekt "Radio
Nordsee", das von einem Schiff in der Deutschen Bucht senden sollte.
Wie kamst Du dazu?
Ulf: Ich arbeitete damals als Diskjockey "Pascal
Posé" in Diskotheken und gehörte der DDO an, der Deutschen Diskjockey
Organisation. Die Werbeagentur "Gloria International" aus St. Gallen in
der Schweiz fragte durch den Besitzer
Norbert A. Gschwend und den Geschäftsführer César W. Lüthy an, ob die DDO für dieses Seesenderprojekt die Diskjockeys zur Verfügung stellen könnte. Daraufhin hat der damalige DDO-Chef
Klaus Quirini seine Mitglieder angeschrieben: Wer Lust hat da
mitzumachen kann sich bewerben! Von den 600 - 800 organisierten
Diskjockeys haben sich 100 - 150 beworben, und neben Klaus Quirini
wurden nur fünf genommen. Und ich war einer von den fünfen.
Martin: Ein neues Projekt mit einem alten Sendeschiff?
Ulf: Es handelte sich um die MV Galaxy von Big L (Radio London),
die von den beiden Schweizern gekauft worden war. Sie wollten das
Schiff durch die Howaldt-Werft ausstatten lassen und dann von der
Nordsee aus senden. Wir sind dann irgendwann im Jahre 1968 nach Hamburg
eingeladen worden zur ersten Pressekonferenz. Zunächst sollten wir mit
dem Zug hinfahren. Dann war aber das öffentliche Interesse so groß,
dass Norbert Gschwend sagte: "Jetzt trefft Ihr euch alle in Düsseldorf,
setzt euch in ein Flugzeug, fliegt nach Hamburg. Das sieht schöner aus,
wenn man die Gangway runterkommt, und dann können die Journalisten die
ersten Interviews führen." In Hamburg erwarteten uns dann rund 150 -
200 Journalisten, und wir waren völlig unbedarft, hatten mit der Presse
noch nie Kontakt gehabt. Rundfunksprecher waren wir ja in dem Sinne
auch nicht, sondern Diskjockeys in Diskotheken... Nun wurden damals die
Diskotheken anders durch den Diskjockey geführt als heute. Das waren
sprechende Diskjockeys, die mehr Entertainment pflegten mit kleinen
Gags. Wir kamen also dort an, und dann fiel die Presse über uns her.
Martin:
Es handelte sich ja um ein altwürdiges Schiff des Seesenders, der in
England wohl die meisten Hörer hatte. Ihr habt davon noch Spuren
gefunden?
Ulf: Und wie! Die Senderanlage und die Studios waren vollkommen
in Ordnung, sendefähig. Die Turntables waren ganz normal zu gebrauchen.
Das Schiff war voller Tonbänder und Jingles - diese Jinglemaschinen mit
den dazugehörigen Kassetten kennt Ihr ja alle. Das Schiff war randvoll
mit Spuren der Big-L-Diskjockeys. Als deutsche Diskjockeys - nicht
Piratensender-erfahren - haben wir überlegt: Was machen wir jetzt
damit? Da sagte der Klaus Quirini: "Jetzt machen wir erstmal
'klar Schiff'." Wir haben dann sämtliche Bänder und Jingles gelöscht!
Es ist aus heutiger Sicht nicht zu begreifen, aber wir brauchten
Tonbänder und diese Jingle-Bänder, da wir unsere eigenen Aufnahmen
herstellen mussten. Wir haben doch mit der Vorstellung dort gearbeitet:
Wir werden demnächst senden. So haben wir dann unsere eigenen Jingles
produziert, die aber niemals gesendet worden sind und dann auch auf dem
Schiff verblieben sind, als wir nach 4-5 Wochen wieder abmustern
mussten. Länger hat das damals nicht gedauert. Die staatliche
Howaldt-Werft hat das Schiff eben nicht ausgestattet oder das Projekt
zumindest sehr verschleppt. Durch die große Medien-Öffentlichkeit
plante die Bundesregierung zum damaligen Zeitpunkt ja auch das
Anti-Piratensendergesetz zu ratifizieren. Es hätte wahrscheinlich nicht
sehr gut ausgesehen, wenn eine Gesellschaft des deutschen Staates einen
Piratensender ausrüstet, der dann anschließend auf Grund der
Ratifizierung des Gesetzes wieder verboten wird. Also haben die das
hingezogen. Der Gschwend und der Lüthy kannten übrigens zwei Techniker
aus Zürich - Edwin Bollier und Erwin Meister. Die beiden sollten den
technischen Teil übernehmen, also die Sendeanlage.
Beide waren auch mal in Hamburg, wir haben sie damals kennen gelernt.
Nach 5-6 Wochen sagte uns dann aber Herr Lüthy mit traurigem Gesicht:
"Das Projekt ist gestorben, macht's gut, auf Wiedersehen, fahrt wieder
nach Hause." Und das haben wir dann auch gemacht.
Martin: Wäre das Projekt ohne diese riesige Medien-Attraktion vielleicht doch noch verwirklicht worden?
Ulf: Ich halte das aus heutiger Sicht für einen enormen
strategischen Fehler. Aus der Retrospektive wäre es klug gewesen, wenn
die beiden überhaupt nichts gesagt hätten. Es war ja auch viel zu früh
um an Bord zu gehen. Das Schiff war ja überhaupt noch nicht fertig. Die
Motorleistung war nicht da, es fehlte noch an einigen Ausstattungen.
Nur Teile der Sendeanlage waren da - und die Studios, die waren
perfekt. Auch die Kojen waren vorhanden. Aber der Rest war eben nicht
in Ordnung. Ich hätte an Gschwends und Lüthys Stelle das Schiff
ausstatten lassen, komplett von der Howaldt-Werft, das hätte kein
Mensch bemerkt. Die hätten ja gar nicht gewusst, wofür das Schiff
überhaupt vorgesehen war. Dann wäre ich mit dem Schiff rausgetuckert
auf die Nordsee - und
dann wäre ich mit den Diskjockeys dahin gefahren und wäre auf dem Weg
dorthin in die erste Pressekonferenz gegangen. So wäre es
wahrscheinlich tatsächlich zu einem Sender "Radio Nordsee" mit damals
sechs deutschen Diskjockeys gekommen. In Wirklichkeit wurde aber eben
nichts daraus...
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Mehr Bilder und Zeitungsausschnitte zum Galaxy-Projekt: |
Martin: Nun gab es dann ja ein zweites "Radio Nordsee", das etwa ein Jahr später startete, zu Anfang 1970. Wie bist Du dahin gekommen?
Ulf:
Ich bin zunächst wieder in die Diskotheken gegangen, aber nicht nach
Mönchengladbach - da kam ich her -, sondern in verschiedene
Diskotheken. Wir kriegten Riesenjobs, hatten ja auch ein bisschen
Presse im Rücken, dadurch hatte man etwas mehr Reputation, wurde auch
besser bezahlt, was ja nicht schlecht war. Ich ging dann in die
Schweiz, nach Zürich, in die Diskothek "Playground". In den Schweizer
Diskotheken gab es im Unterschied zu Deutschland eine Besonderheit:
Erstens wurde dort nicht getanzt, und zweitens wurden sie um 12 Uhr
dicht gemacht. Nach Mitternacht fand in Zürich damals kein Nachtleben
in dem Sinne statt, wie wir es kennen. Ich war ja in diesem Playground
als "Piraten-Diskjockey" beschäftigt, und
Edwin Bollier und Erwin Meister hatten einen Club, den
"High-Life-Club" in Zürich, ein so genannter Privat-Club. Man wurde
dort Mitglied, und in diesen Clubs konnte man ab 12 Uhr nachts tanzen,
trinken und gute Musik hören. Die Diskjockeys in diesen Privat-Clubs
moderierten nicht, sondern legten nur Schallplatten auf - so wie die
Diskjockeys das heute auch tun. Die beiden riefen eines Tages im
Playground an und fragten, on ich sie nicht einmal im High-Life-Club
besuchen könne. "Wir haben was vor..." Da bin ich hingefahren, war
damals ja 22 Jahre jung, wollte mir das anhören. An diesem Abend haben
sie mir erzählt, dass sie einen Piratensender in der Nordsee aufstellen
wollten und deshalb Diskjockeys suchten. Ob ich nicht Lust hätte, als
Chef-Diskjockey mitzumachen? "Chef-Diskjockey" war schon gut, da hab
ich gleich zugesagt. Vier Wochen später hörte ich im Playground auf und
fing bei Bollier und Meister an. In "High-Life", ihrem Privat-Club,
habe ich dann jeden Tag - tagsüber, denn abends und nachts war der Club
ja belegt - Bänder aufgenommen.
Die Frequenz war denen schon klar, und sie brauchten diese
Testsendungen. So habe ich zig Tonbänder jeden Tag da eingespielt für
unseren Sender. Diese Bänder wurden später auch gesendet, um dann
langsam das Projekt ins Laufen zu bringen.
Sie liefen nach meiner Erinnerung über etwa 6 Wochen, und dann kam ich an Bord.
Martin:
Ich erinnere mich sehr gut an die ersten Testsendungen. Auch dieses
Projekt ist in den deutschen Medien durchaus gewürdigt worden. So stand
in den Zeitungen, dass Radio Nordsee jetzt starten würde. Entsprechend
hab ich auf der Kurzwelle gesucht und den Sender auch schnell gefunden.
Am 23. Januar 1970 begannen die Testsendungen auf UKW und Kurzwelle,
und am 11. Februar kam dann noch die Mittelwelle hinzu. Als ersten
Diskjockey hab ich tatsächlich den "Hannibal" gehört, damals noch
ziemlich marktschreierisch... Es gab noch andere Kolleg(inn)en, die
auch schon vorab produziert haben:
Elke, eine Schweizerin, und Horst Reiner aus Österreich.
Ulf: Ja, das stimmt. Horst Reiner war schon bei dem ersten Radio-Nordsee-Projekt dabei. Edwin Bollier und Erwin Meister brauchten Diskjockeys. Sie haben überlegt: Wen kennen wir, so dass sie auch die Diskjockeys gefragt haben, die beim ersten Projekt dabei waren. Ich war zufällig in Zürich, und den Horst Reiner haben sie auch gebeten. Er kam dann später nach Zürich, das war wohl im Dezember 1969. Er hat dann auch dort im Highlife-Club Bänder produziert, und auch die Elke hat das gemacht. Horst Reiner, den als Österreicher das Anti-Piratensender-Gesetz nicht betraf, ist dann als erster aufs Schiff gefahren. Damals waren Bollier und Meister zum ersten mal in einer Finanzkrise, das war ziemlich deutlich so im November/Dezember 1969.
Die beiden sind ja besondere Persönlichkeiten, vor allem der Edwin
Bollier. Ich hab das damals als junger Mensch nicht so mitgekriegt,
aber da sind schon einige sehr spannende Ereignisse gewesen. Die beiden
haben sich als schweizerische Staatsbürger ungesetzlich verhalten als
Funkamateure, das war deren Hobby. Ich habe bei Edwin Bollier
in Islisberg gewohnt. Dort, etwa 30-40 km von Zürich entfernt, hatte er
ein Landhaus. Dort hatte er seinen Sender installiert. Auf dem Landhaus
stand ein 20 Meter hoher Mast, mit dem er die Welt befunkt hat. Mit
seinem Freund Erwin hat er sein erstes Geld verdient, indem die beiden
Funkkontakt zu Sierra Leone hielten.
Erwin Meister war ein sehr guter Chef während meiner Zeit. Aber wenn
ihm etwas nicht passte, wurde er ziemlich rüde. Als er kein Geld hatte,
versuchte er in dieser Phase Kosten zu senken. Ich fuhr einmal mit ihm
in einem VW-Bulli zum Zoll, musste irgendetwas für ihn holen und hab
dann eine Schranke angefahren. Da gab es eine Delle im Auto. Er hat
mich daraufhin entlassen, sagte: "Du bekommst auch kein Geld von mir,
Du hast mir da eine Delle ins Auto gefahren." Ich stand nun auf der
Straße, suchte mir in Zürich einen anderen Job, hab da 2 oder 3 Wochen
gearbeitet. Dann hatte er offensichtlich wieder Geld, kam zurück und
sagte: "So Pascal, wir starten jetzt mit dem Sender, es ist bald
Januar, die ersten Sendungen gehen los, Du kannst wieder mitmachen."
Ich forderte dann in meinem Unmut erst einmal mein Geld und hab auch
alles gekriegt. In der Zeit
danach war es dann natürlich fantastisch, wie er mit seinen Diskjockeys
umgegangen ist. Wir waren 14 Tage an Bord und hatten dann 14 Tage
Urlaub. Er hat damals - das muss man sich heute einmal vorstellen -
jedem Diskjockey 1.400 Schweizer Franken im Monat gezahlt und zwar bei
freier Kost und Logis... Und dafür hab ich nur jeweils 14 Tage
gearbeitet. Wir hatten den Himmel auf Erden, die Kohle war
spitzenmäßig. Die Waschanlagen an Bord waren vom Modernsten, für
damalige Verhältnisse wirklich klasse. Die Studios waren tipp topp, sie
standen keinem Rundfunkstudio nach, waren erstklassig ausgestattet. Die
beiden hatten ja auch ein Händchen dafür. Also so hat das damals
angefangen.
Die RNI-Erkennungsmelodie "Man of Action" vom Les Reed Ochestra gab
es vorher schon. Es ist eigentlich eine sehr beliebte Melodie der DDO
gewesen, der Deutschen Diskjockey Organisation. Als Mitglieder der DDO
haben wir dann diesen Titel Meister und Bollier als Erkennungsmelodie
vorgeschlagen. RNI hat ihn dann sehr populär gemacht. Damit hatte Les
Reed wohl gar nicht gerechnet, denn nach meiner Kenntnis hat der Titel
sonst in keiner Hitparade eine Rolle gespielt.
Martin: Ich möchte noch mal auf die beiden Schweizer
zurückkommen. 1971 gab Andy Archer eine Pressekonferenz und sprach
davon, die Mebo II diene Spionagezwecken. Es gab Medienberichte über
die Stasi-Verbindung von Meister und Bollier. Schließlich geriet
Bollier als der Lieferant eines Zünders derjenigen Bombe in die
Schlagzeilen, die das Flugzeug in Lockerbie abstürzen ließ. Was sind
das für Charaktere, was bewog sie letztlich, den Seesender RNI
aufzubauen?
Ulf:
Spaß! Sie hatten einen irren Spaß daran, waren von ihren Herzen her
Funkamateure. Das waren keine Unternehmer, die haben mit ihrem Hobby
Geld verdient, das war deren Interesse. Und sie waren wirklich geil
aufs Radio, das fanden sie riesig. Durch die Verbindung zu Gschwend und
Lüthy hatten sie dann zum ersten Mal Kontakt zu solch einem
Sendeschiff. Vorher waren sie ja nur in Zürich in ihrem Landhaus mit
der wirklich beeindruckenden Sendestation als Funkamateure aktiv. Das
war die eine Motivation. Gleichzeitig haben sie aber an der Idee von
Gschwend und Lüthy gelernt, dass man mit solch einem Piratensender
durch Werbung auch ein Schweinegeld verdienen kann.
Martin: Könnte.
Ulf: Ja, könnte. Sie haben ja auch lange nichts verdient. Ich
erinnere mich: Die erste Werbung für Bulova war getürkt, dafür bekamen
wir kein Geld. Aber Bulova war eine sehr populäre Uhrenmarke, und wir
hofften, dadurch andere zu interessieren und deren Widerstand gegen
Werbung zu brechen. Die Fluggesellschaft Iberia gab uns einen ersten
echten Werbeauftrag und dann kam auch Toshiba.
Die Jingles haben wir selbst produziert. Da gab es keine Werbeagentur,
die uns das fertig lieferte. Es hieß dann: Die und die Begriffe müssen
in die Werbung rein, überlegt euch mal, wie kann man so was aufdröseln,
ein bisschen peppig wie bei einer Werbeagentur. So haben wir das dann
selbst gemacht.
Aber Du fragst ja: Was sind das für Typen? Der Edwin Bollier sehr
offensiv, guter Familienvater, süße Kinder, eine tolle Frau - ein
richtig Netter, so war mein Eindruck. Der Erwin Meister eher
introvertiert, ein bisschen zurückhaltend, nicht so in vorderster
Front, das machte alles der Edwin Bollier. Was die alles getrieben
haben, kann man mal an ein paar Geschichten aufzeigen, die die beiden
betreffen. Die Vorgeschichte kennt Ihr ja nun, die haben mit Sierra
Leone Geld verdient.
Die zweite Geschichte war: Wir lagen mit der Mebo II erst vor Scheveningen, später dann vor
Clacton-on-Sea. Die Piratensender konnten ja nur deshalb senden, weil sie außerhalb der Dreimeilenzone ihre Programme
starteten
und damit nicht unter irgendeine Hoheit fielen. Nun hatten sich
verschiedene Länder zusammengeschlossen und ein Gesetz gegen
Piratensender ratifiziert, dazu gehörten die Engländer und deswegen
waren die ganzen Englischen Schiffe weg. In Holland war das nicht
ratifiziert worden, deshalb konnte man vor Holland senden. Dennoch
lagen wir zum damaligen Zeitpunkt vor
Clacton-on-Sea. Wir benutzen (auf Kurzwelle oder UKW, das erinnere ich
nicht) eine Seenot-Frequenz.
Wir wussten jedoch nicht, dass es sich um eine Seenotfrequenz handelte.
Der englische Staat reagierte ziemlich schnell. Wir hatten schon nach
zwei, drei Tagen ein englisches Kriegsschiff vor unserer Mebo II
liegen. Dieses Schiff nahm mit uns Funkverkehr auf. Wir standen an Deck
und beobachteten, was die da machten. Auf einmal drehten die ihre
Kanonen in unsere Richtung. Unser Kapitän
Jan Harteveld hörte über Funk: "Sofort die Sendungen einstellen
- sonst wird geschossen!" Was haben wir gemacht? Wir haben Bollier in
Scheveningen angefunkt. Der sagte einfach nur: "Ihr habt doch eine
Pistole. Wehrt euch!" Wir haben dann erstmal die Sendungen eingestellt
und die Frequenz gewechselt. So war der Edwin Bollier.
Dass er später mit Libyen und der DDR Geschäfte gemacht hat, hat er
auch öffentlich zugegeben. Das war viele Jahre später, nachdem ich
Radio Nordsee schon lange verlassen hatte. Diese berühmten 15
Prototypen aus seiner Herstellung - einer war ja in dem Koffer, mit dem
das Lockerbie-Flugzeug in die Luft gesprengt wurde - hat er nicht nur
nach Libyen, sondern auch in die DDR verkauft. 7 gingen an die DDR und
8 an Libyen - oder umgekehrt. Bis heute ist völlig ungeklärt, aus
welchem Land dieser Prototyp stammt, also ob Libyen ihn eingesetzt hat
oder die DDR, das ist völlig offen. In den englischen Medien wird das
etwas vorsichtiger als in den deutschen Medien behandelt. Die Engländer
gehen mit dem Thema Lockerbie viel sorgfältiger als wir um, etwas
neutraler, was die Ursachen betrifft. Edwin Bollier hat dazu auch sehr
viele Interviews gegeben, ist nach meiner Kenntnis auch Kronzeuge. Die
Geschichte zeigt aber auch, zu welcher Art von Geschäft die beiden
durchaus fähig waren.
Martin: Zurück zu RNI im Jahre 1970. Damals gab es deutschsprachige Sendungen von 5:30 Uhr bis 7:00 und von 20:00 bis 23:00 Uhr.
Ulf: Das weiß ich gar nicht mehr, ist so lange her...
Martin: Dazwischen und in der Nacht gab es englischsprachige
Sendungen. Die ersten Testsendungen fand ich nicht ganz so gelungen,
wenngleich sie natürlich spannend waren. Die Eröffnungssendung am 28.
Februar wurde dann durch Roger ‚Twiggy' Day und Horst Reiner live von
Bord präsentiert. Damals war ich von Horst Reiner kolossal enttäuscht,
der doch recht unprofessionell wirkte. Als Du dann aber zum ersten Mal
live vom Schiff Deine Sendung machtest, haben wir einen anderen
Hannibal kennen gelernt, viel relaxter, entspannter, das hat mir
deutlich besser gefallen.
Ulf: Ja, das muss man ein bisschen hinterfragen. Der
Horst Reiner - schau auch noch mal nach, wofür der zuständig
war bei Radio Nordsee auf der Galaxy - war Österreicher, 3 oder 4 Jahre
älter als ich, aus meiner Sicht ein gestandener Mann. Er arbeitete in
einer Krefelder Diskothek. Das war ein Tanzlokal, keine Disko. Er legte
deutsche Platten auf, auch Wiener Walzer. Er moderierte charmant, wie
Österreicher sein können, mit Schmäh bei älteren Damen das Programm.
Das ist der Hintergrund vom Reiner, da muss man fair sein. Also das war
seine Welt. Meine Welt war ganz anders: Ich stammte aus Diskotheken in
Mönchengladbach, die sehr jugendorientiert waren. Ein Beispiel: Ich
arbeitete in den beiden größten Diskotheken, die es gab. Die war eine
in
Kaldenkirchen, der "King's Nightclub" - dort war ich mehr als ein Jahr
beschäftigt. Und ich war in Rheydt im "Flashlight", das damals mit
"Manfred Mann live" eröffnet wurde. Also da ging die Post ab. Die waren
bei uns auf der Bühne, und da war ich Diskjockey. Bei mir lief kein
deutscher Titel. Ich dachte damals: "Was soll ich mit dem Mist?" Aber
der Reiner war eben anders. Und er hat auf Radio Nordsee für seine
Verhältnisse ein hochmodernes Programm gemacht. Also da muss man fair
sein, muss immer sehen: Wo kommt jemand her, was ist sein Background?
Mein Background war einfach. Ich war der jüngste. Wenn Du dir
anschaust, wer alles dabei war, ich war der jüngste Diskjockey, war 21
und grün hinter den Ohren.
Zu überlegen ist ja: Wie war damals die Rundfunkwelt? Sie war
geprägt durch staatliche, öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten.
Diese Sender in der Bundesrepublik haben für junge Leute eigentlich
nichts geboten. Der erste Sender im öffentlich-rechtlichen Bereich, der
bereit war, sich um junge Leute zu kümmern, war der Südwestfunk. Das
war erst zu Anfang der siebziger Jahre. Ende der sechziger Jahre tat
das in Deutschland keiner. Der einzige Sender, der ein bisschen
moderner war, aber durchaus hausbacken, war Radio Luxemburg. Das war
der populärste Sender schlechthin, und da kamen dann die Piratensender
und versuchten modern zu sein und zwar auch in deutscher Sprache - das
gab es vorher nicht. Heute sieht die Welt ganz anders aus. Da hat ja
fast jede kleine Stadt einen eigenen Rundfunksender, und die Musik ist
sehr populär, sehr aktuell, sehr international. Aber 1969 oder 1970 war
daran noch kein Denken.
Martin: Die übliche Frage bei Seesender-Diskjockeys lautet immer: Wie war es mit Seekrankheit, wie war das Leben an Bord?
Ulf: Also vor Scheveningen ging das ja. Da war die Überfahrt mit
dem Tenderschiff Mebo I zum Radioschiff Mebo II sehr kurz, dauerte
maximal zwei Stunden. Wir blieben dann 14 Tage auf dem Schiff, und
anschließend kamen wir für ein Wochenende, oder 10 Tage, manchmal auch
14 Tage an Land. Aber dann lagen wir lange vor
Clacton-on-Sea, da war die Situation anders, die Mebo I kam weiterhin
aus Scheveningen und fuhr den weiten Weg dorthin. Bei jeder Überfahrt -
wirklich jeder - hab ich gekotzt wie ein Reiher. Nur auf der Mebo II
nicht, da hab ich mich daran gewöhnt, da war das Rolling anders. Wir
lagen vor Anker, die Bewegungen waren etwas anders. Aber wenn Sturm
war, und du warst im Studio (dort hatten wir ja kein Fenster in den
beiden Studios vorne im Bug) - das war schon hart. Ein Eimer neben dem
Mikrofon war schon nicht schlecht. Ich wurde seekrank, immer wieder
seekrank. Auf der Überfahrt war es immer schlimm, ich konnte mich zwar
an Deck aufhalten, was ja das einzige ist,
das ein bisschen hilft, da man den Horizont sieht. Aber selbst das hat
mir nicht wirklich geholfen.
Da fällt mir eine Geschichte ein: Beim ersten Radio Nordsee, auf der
Galaxy, kam auf einmal ein Erfinder vorbei, der uns etwas verkaufen
wollte. Er hatte nämlich ein Mittel gegen Seekrankheit erfunden. Das
Mittel gibt es heute offenbar. Es handelte sich um ein Ehepaar, sie
verhärmt, er etwas "ökomäßig". Sie war immer begeistert von ihrem Mann,
sagte über ihn: "Mein Mann erfindet ganz tolle Sachen." Er kam nun also
mit diesem Mittel gegen Seekrankheit, das eingenommen wurde und im
Magen aufquoll. Dadurch sollte man nicht seekrank werden. Quirini und
wir haben mit ihm rumgeflachst und haben schließlich gefragt, was er
denn noch für tolle Sachen erfunden hätte. Da sagte seine Frau: "Wissen
Sie, mein Mann kann aus Scheiße Butter machen." Da haben wir gelacht.
"Nein," sagte sie, "ganz ernsthaft. Das Problem ist nur: Wir kriegen
den Geruch nicht weg." Das war 1968 - derbe verrückt.
Martin:
Der rasche Wechsel des Sendeschiffes von der holländischen zur
englischen Küste geschah nach meiner Kenntnis, weil die Werbekunden
ausblieben.
Ulf: Das ist richtig. Wir hatten ja gehofft, dass wir durch die
englischen Diskjockeys - das war die Grundidee - Werbung bekommen
würden. Das hat aber nicht so geklappt. Da dachten wir: Also müssen wir
eben nach England fahren, dort ist die Heimat der Piratensender, dann
bekommen wir - wenn wir in England über UKW zu empfangen sind -
wenigstens dort die entsprechenden Werbeaufträge.
Martin: Der Hauptkonkurrent Radio Veronica hatte Schweigegeld gezahlt?
Ulf: Das ist eine andere Geschichte. Ich hab den Bull Verweij kennen gelernt, ein ganz netter Mann.
Er war das große Vorbild von Edwin Bollier und Erwin Meister, zumindest im niederländischen Bereich.
Sie hatten tolle Studios, nahmen ja alles an Land auf. Unheimlich
pfiffige Diskjockeys, da sind wir mehrere Tage gewesen. Der Bull hatte
sich angefreundet mit Edwin Bollier, die duzten sich, gingen unheimlich
locker miteinander um. Bull Verweij wollte sich werbemäßig schützen, er
wollte nicht, dass Radio Nordsee vor der holländischen Küste mit
niederländischen Programmen beginnen würde. Also haben die beiden
vereinbart - und Bollier war ja auch in einer schwierigen Phase, es gab
nicht viel Geld: "Du bekommst von mir 1 Million Gulden, und zur
Sicherheit habe ich die Hände auf Deinem Schiff", das zu dem Zeitpunkt
auch an Land lag. "Ihr sendet auf keinen Fall in holländischer
Sprache." Edwin Bollier willigte ein, kassierte die Kohle. In einer
Nacht- und Nebel-Aktion (die Röhren und anderes waren zunächst noch
abgebaut worden) brach er dann zusammen mit Brandenberger und Harteveld
ein Lager am Hafen auf. Sie haben dort ihre Senderöhren wieder
rausgeklaut, sind heimlich aufs Schiff gegangen und raus aufs Meer
gefahren. Anfangs haben sie noch vor
Clacton-on-Sea gesendet und nicht vor Hollands Küste. Später kamen dann
doch die holländischen Diskjockeys, und dann wurde Bull Verweij sauer.
Wie ja die meisten wissen, hat er dann die Mebo II in Brand stecken
lassen. Doch da war ich schon nicht mehr dabei, das war im Frühjahr
1971... Ich bin schon im Mai 1970 zu Radio Luxemburg gegangen.
Martin:
Du bist ja während Deiner Zeit an Bord mit "Berühmtheiten" zusammen
gewesen. Andy Archer, Alan
West, Roger ‚Twiggy' Day, Carl Mitchell, Duncan Johnson, Mark Wesley
waren allesamt sehr erfahren durch ihre Zeit bei den englischen
Seesendern und hatten sich bei Millionen Hörern bereits einen Namen
gemacht. Man kann da sicherlich viel lernen?
Ulf: Ja, ständig! Wir haben ja auch zusammen Sendungen gemacht.
Das war nicht wie im normalen Rundfunkstudio. Man kam da rein und hat
dann oft spontan mit dem jeweiligen Kollegen was gemacht. Das machten
die mit mir genauso. Wenn jemand durch das Studio lief, dann wurde
zusammen irgendwas erzählt. Die Engländer hatten alle einen so lockeren
Stil drauf, und ich konnte Englisch genug, um mich mit ihnen zu
verständigen, so dass ich bei ihnen nur abgucken und lernen konnte. Ich
war nicht wirklich ein Rundfunkjockey, musste selbst noch lernen, hab
das zunächst so gemacht wie in der Diskothek. Die anderen hatten
Sprüche und Witze drauf, kamen mit den Jingles... Ich hatte doch als
Diskjockey keine Ahnung von "Jingles", was war das? Die Engländer
lebten davon, hatten das mitgebracht, brachten es mir dann bei. Wir
haben miteinander ständig geredet.
Duncan Johnson mit dieser irren sonoren Stimme, ein schmaler,
fast zwei Meter großer Mann: Wenn er mit seinem sonoren Organ sagte:
"Hannibal, we must help you." Dann kam da was rüber, das war wirklich
toll. Und
Roger ‚Twiggy' Day, ein ‚Skinny', ein ganz dünner, ständig
beschäftigt, immer quirlig, saß auf dem Tisch, wenn er redete. Der
konnte nicht still sitzen während seiner Sendungen.
Da brauchtest du nur zuzuhören, da wusstest du: Die sind hoch professionell, die haben irre Erfahrungen. Mit 22 bist du neugierig, also was machst du: Du guckst was ab. Das hat mir später sehr geholfen bei Radio Luxemburg und beim WDR. Da kriegst du dann selbst eine Professionalität. Als ich beim WDR 1974 anfing, gab es da eine neue Jugendsendung, die "Radiothek". Ich war einer der sechs Moderatoren. Der WDR hat in der Radiothek ähnlich wie RNI gearbeitet, also wir haben dort auch die verschiedenen Musiktitel angesagt und ein bisschen was über die Künstler erzählt. Radio Luxemburg machte das etwas anders, da wurden nicht nur Platten angesagt, mit dem Titel, dem Künstler, wo kommt er her usw. Wir mussten uns vielmehr irgendwelche Themen überlegen, vornehmlich in den Nacht- und UKW-Sendungen, in denen wir dann über die Platten nichts sagen durften und die Hörer mit der Attraktivität des Themas bei der Stange halten sollten. Die Kollegen beim WDR jedenfalls haben nur Bauklötze gestaunt und dicke Augen gemacht, wie man Sendungen macht. Ich hab da alles ausgekramt. Radio Nordsee hatte zum Beispiel ein "Format-Play" - das hatte ich niemals vorher gehört und dann von Roger ‚Twiggy' Day gelernt. Er hatte die "Format-Playliste" schon von Radio Caroline mitgebracht. Er sagte: "So kriegst du Hörer, so bleiben die am Rohr." Also man konnte nur lernen.
In
den zwölf Jahren, in denen ich Rundfunk und Fernsehen gemacht habe,
hatte ich übrigens immer Zugriff auf die Auswahl der Musik. Bei Radio
Nordsee war das ganz einfach: Ich brachte meine eigenen Schallplatten
mit. Damals sind wir mit zwei Diskjockeys durch die deutschen Lande
gezogen und haben bei den Firmen um Musterexemplare gebettelt, damit
wir überhaupt Schallplatten an Bord hatten. Bei Radio Luxemburg war das
anders: Der Sender wurde überschüttet mit Schallplatten der
Musikindustrie, und auch hier hatte jeder Sprecher die Verantwortung
die Musik selbst auszusuchen, wobei der Sender sich vorbehielt Eingriff
zu nehmen in das Programm. Wir hatten dort die Vorschrift, dass wir
nicht mehr als 20 Prozent englische Titel spielen durften im
Tagesprogramm. Das war bei Radio Nordsee völlig freigestellt. Der WDR
war da wieder einfacher. Da konnte man trennen zwischen Sprecher und
Musik, da gab es zwei Verantwortlichkeiten. Aber meist wurde das in
eine Hand gelegt, und ich hatte im WDR immer die Verantwortung für die
Musikauswahl und die Sprachinhalte zugleich.
Martin: Es gab ein Unikum bei RNI. Man wirft Seesendern immer
wieder vor, dass sie die Frequenzbänder stören. Dabei wurde Radio
Nordsee International von den englischen Behörden selbst gestört.. Das
führte dazu, dass Ihr häufig die Frequenz wechseln musstet.
Ulf: Ich muss zugeben, ich bin technisch völlig blind, ein Laie,
hab mich darum nie wirklich gekümmert. Bollier sagte dann meistens:
"Ihr müsst jetzt diese oder jene Frequenz ansagen." Da hattest du die
alte Frequenz gerade so gelernt, dass du sie aussprechen konntest ohne
nachzudenken - da musste man sich das wieder aufschreiben, "wo senden
wir?"
Martin:
Nun war RNI in der Bundesrepublik, der DDR, Österreich und der Schweiz
nicht gerade berauschend zu empfangen. Wie war die Resonanz der
Hörer?
Ulf: Waschkörbe-weise! Von der deutschsprachigen Bevölkerung
bekamen wir die meiste Post aus der DDR, da wurden wir offensichtlich
gut gehört... Da kamen dicke Körbe mit Briefen an, tolle Sachen,
richtige Begeisterung. Sehr viel Post bekamen wir aus den
skandinavischen Ländern (Dänemark, Schweden, Norwegen), auch aus
England, aber erst dann noch mehr, als wir vor
Clacton-on-Sea lagen.
Damals habe ich ja auch viele Sendungen in englischer Sprache moderiert
- auf UKW ist es Quatsch etwas auf deutsch zu erzählen, so dass wir
oft zusammen moderiert haben. In einem Poll des Melody Maker war ich
mal in der Riege der beliebtesten Diskjockeys - als einziger Deutscher,
der je da aufgetaucht ist, faszinierend!
Die schönste Story habe ich bei Radio Luxemburg erlebt: Paul McCartney
startete seine Tournee mit den Wings, die Beatles waren aufgelöst, und
ich arbeitete bei RTL und wollte ihn interviewen. Ich fuhr also nach
Offenburg, dort war das Konzert.
Es dauerte lange, und der Veranstalter Fritz Rau ließ nicht jeden
herein. Aber ich habe gekämpft, um mit dem Mann ein Interview zu
machen. Paul McCartney! Da hab ich als 14jähriger doch so gezittert,
das war ja meine Zeit, und endlich ließ er sich von Fritz Rau
breitschlagen, mit dem "Ullrich" von Radio Luxemburg (das war mein
Sprechername dort) ein Interview zu machen. Ich gehe also in die
Garderobe, und da saß er, zusammen mit seiner inzwischen verstorbenen
Frau Linda. Die Jungs von Wings tranken was, waren sehr locker. Meine
Hand hat so gezittert, dass ich sie mit der anderen Hand festhalten
musste, damit das Mikrofon nicht so wackelte vor lauter Aufregung. Paul
McCartney, etwas Größeres konnte man sich gar nicht vorstellen. Und als
wir da so saßen, fragte er mich: "Wer bist Du denn?" Ich erzählte ihm:
"I am Ullrich from Radio Luxembourg, and before that I have worked for
a pirate radio station..." "Which pirate station?" "Radio NorthSea
International." Da guckt er mich an und sagt: "Hey, are you Hannibal
The Cannibal?" Eine Riesengenugtuung für mich! Ab dem Moment hat nichts
mehr gezittert.
Martin: Der Grund Deines Ausscheidens bei RNI?
Ulf: Nun, das Gesetz gegen die Piratensender war inzwischen ratifiziert worden in Deutschland.
Martin: Dein Kollege Axel war aber doch auch Deutscher?
Ulf: Ja, ich weiß. Das Gesetz gegen die Piratensender war
1970 in Deutschland ja schon ratifiziert. Ich war ja nun Deutscher, und
wir hatten uns nach der Ratifizierung überlegt: Ja, wie heiß ich denn
dann. Mein Diskjockey-Name war ja Pascal Posé, und dann haben wir
gesagt: In Deutschland kannte man mich durchaus, ich war in 4
Diskotheken tätig, also besser ein bisschen vorsichtig sein. Nach
langem Überlegen kamen wir dann auf die Idee zu sagen: "Hannibal The
Cannibal from Radio NorthSea International," das war dann so ein
Sprachfluss.
Mein richtiger Name war aber bekannt durch das Hamburger Radio
Nordsee-Projekt. Und so hab ich mir überlegt: Was machst du
jetzt? Und diese - Entschuldigung - ewige Kotzerei, hin-zurück,
hin-zurück, ging mir auch auf den Senkel. Mir war das alles zu
risikoreich. Du könntest bestraft werden. Ich wusste sehr genau, dass
das Gesetz eine Strafe von bis zu 2 Jahren Gefängnis vorsah, wenn man
einen solchen Sender unterstützt. Unterstützen heißt eben auch, dort zu
arbeiten. Ich hatte ein bisschen Schiss. Also habe ich Edwin Bollier
gesagt: "Ich würde gern aufhören, es ist mir zu risikoreich." Er sagte:
"Okay..." Ich habe ihn dann gefragt, ob ich noch mal aufs Schiff
dürfte, um meine Schallplatten abzuholen. Da sagte er: "Da musst Du dir
schon ein eigenes Schiff mieten, um sie dort abzuholen." Dabei war das
ein ganz schön großer Koffer mit den Tophits, der war somit weg!
Anschließend war ich noch 4 Wochen in der Diskothek "Alabama" in
Dörpen, das liegt in der Nähe von Papenburg im Emsland, verdiente dort
ein Menge Geld als "Hannibal from RNI". Ich bekam 7.000,- DM für 4
Wochen Arbeit, das war gigantisch, ich war König...
In der Zeit habe ich mich bei Radio Luxemburg beworben. Wurde dann
eingeladen zum Vorsprechen - so nennen die das. Damals trug ich noch
einen Bart... Der Programmdirektor
Helmut Stoldt, der Chefsprecher Frank Elstner und Jochen Pützenbacher
(der spätere Chefsprecher) nahmen mich dort zu dritt in Empfang und
ließen mich moderieren. Ich musste mit dem Frank ein Interview führen,
und Jochen sollte einen Künstler mimen, mit dem ich sprechen musste.
Nach einer Stunde sagte der
Stoldt: "Okay, Sie haben ein neues Schiff." Und dann hatte ich ab dem
1. August 1970 einen neuen Job bei Radio Luxemburg für zunächst 4
Wochen Probezeit. Am letzten Tag wurde immer dem neuen Sprecher gesagt,
ob er bleiben kann oder gehen muss, das ist ziemlich hart. Aber ich
konnte bleiben - für dreieinhalb Jahre als "Ullrich". Zum Ende dieser
Zeit hat Frank Elstner sehr bedauert, dass ich wegging. Er hat mir
damals gesagt: "Ich fand Dich toll, Du kannst jederzeit wiederkommen,
wenn Du einen Job brauchst." Ich bin aber nie mehr zurückgekehrt, fand
dann ja die wunderschöne Aufgabe beim WDR, konnte dort ab Ende 1973 die
"Radiothek" gemeinsam mit anderen Moderatoren betreuen. Und so war ich
beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, arbeitete für WDR, NDR, Radio
Bremen, SWF (da wäre ich am liebsten geblieben, das war der beste
Sender), HR, Südfunk Stuttgart, DLF und Deutsche Welle - insgesamt 7
Jahre.
Martin: Eine wechselvolle Entwicklung, wie ich gelesen habe. Selbst Sportreporter warst Du beim WDR?
Ulf: Ja, mit Ernst Huberty... Meine Aufgabe war es
feuilletonistische Sportberichte zu machen. Ich war aber kein
Sportreporter im klassischen Sinne. Ich war mal
bei der Düsseldorfer EG und sollte einen Bericht über das
Eishockey-Spiel gegen die Kölner Haie machen. Zuvor hatte ich noch nie
Eishockey gesehen... Ich hab dann bei der DEG gesagt: "Ich muss da
einen 3-Minuten-Bericht abliefern, können Sie mir jemanden zur Seite
stellen, der mich über die Regeln aufklärt?" So hatte dann ich während
des gesamten Spiels einen Jugendtrainer neben mir, der mir das Spiel
erklärt hat. Der Kameramann und die Techniker machten ihre Arbeit. Im
Studio ließ ich das Ding dann schneiden und hab dann mit dem neuen
Wissen dieses Jugendtrainers diesen Bericht kommentiert. So fing das
mal an im Sport...
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Martin: Du hast auch im Fernsehen moderiert, beispielsweise bei "Musik aus Studio B".
Ulf: Ja,
1977 mit Curd Jürgens, Paola (ich hab ja während meiner Zeit in der
Schweiz auch Schwyzerdütsch gelernt, ein Schweizer konnte mich von
einem Schweizer nicht unterscheiden), Miriam Francis, Al Martino...
Damals gab es bei der Sendung ein Jahr lang wechselnde Moderatoren. Ich
war aber kein Fernsehmoderator, das muss man fairer Weise sagen. Ich
war ein guter Rundfunkmoderator, aber Fernsehen war nicht mein Medium.
Dieses Auswendiglernen, Kamera verfolgen, Wechsel der Kamera -
Spontaneität gab es ja damals im Fernsehen nicht. Also so eine Idee
davon, was Gottschalk später im Fernsehen gemacht hat.
Thomas Gottschalk hab ich während der RTL-Zeit kennen gelernt
in München bei einem Scorpions-Konzert. Er wollte unbedingt ein
Interview, aber die wollten ihn als so einen Typ vom Bayrischen
Rundfunk nicht drauflassen. Da hat er mich gefragt, ob ich ihm nicht
helfen könnte, mit den Scorpions ein Interview hinzukriegen. Ich als
RTL-Mann hatte diese Probleme nicht, war groß im Bild. Hab denen dann
gesagt: Redet doch auch mal mit dem. Er war schon damals so ein
Schlacksiger, sah damals schon aus wie heute, ein Netter! So hat man
Leute kennen gelernt, es war eine verrückte Zeit.
Neben "Musik aus Studio B" hab ich beim WDR zwei Musiksendungen mit dem Kurt
Edelhagen-Orchester
moderiert, die Sendung hieß "Musik Extra 3". Ich habe aus der ganzen
Zeit nichts übrig behalten, nur noch Schallplatten und Adressbücher,
aber keine Ton- oder Bilddokumente. Seit 23 Jahren arbeite ich ja nun
in der Personalentwicklung (1980 hab ich beim WDR aufgehört). Da hatte
ich dann mal einen Kunden, einen Verkäufer, der erzählte von seiner
Jazzsammlung. Er sagte: "Ich habe von Kurt Edelhagen noch Tonbänder und
Videoaufnahmen - mit Ihren beiden Fernsehsendungen!" So hat mir dieser
Kunde 15 Jahre später das Band kopiert. Da konnte ich meinen Kindern
mal zeigen, wie der Papa damals aussah. Die haben nur gelacht, "ätzend,
ätzend" gerufen. Das war wirklich schön.
Martin: Zusammenfassend: 12 interessante Jahre, viele
verschiedene Sender, unterschiedliche Erfahrungen im journalistischen
Bereich. Ein Mann, bei dem jeder Sender sagen würde: Den wollen wir
haben. Warum bist Du dann trotzdem ausgestiegen?
Ulf:
Das ist eine bittere Geschichte. Sie ist nie öffentlich geworden, aber
ich kann sie ja mal erzählen. Sie besteht aus zwei Bereichen. Beim WDR
gab es neben den fest Angestellten so genannte "feste freie"
Mitarbeiter, die machten feste Sendungen, waren aber nicht angestellt,
aber weisungsgebunden, ein wichtiges Kriterium. In der Mitte der
siebziger Jahre hat der WDR entschieden, sich von den "festen Freien"
zu trennen. Die wollten sie raus haben zu einer Zeit, als es dem WDR
schlecht ging.
Damals hatte ich eine Idee, ich habe nämlich MTV erfunden... Das glaubt
mir keiner mehr, aber ich hab es wirklich erfunden. Es wollte nur
keiner haben. Ich bin damit rum gelaufen bei dem Rolf Spinnrads, für
ihn hab ich die "WDR Plattenküche" begleitet, ich hab da früher die
Künstler organisiert. Die wollten billige Fernsehsendungen machen, und
ich hab gesagt: "Ich weiß, wie das geht! Wir übertragen Rundfunk 1:1
aufs Fernsehen. Wir kaufen einen Haufen Videoclips, und der Sprecher
sitzt im Studio, du kannst ein paar Filmbüchsen aufbauen, eine
ferngesteuerte Kamera, einen Regisseur - fertig! Das kostet kaum Geld,
du brauchst keine Dekoration, gar nichts." Rolf entgegnete: "Wir müssen
Künstler haben, wir müssen produzieren, außerdem fehlen uns die Rechte
an den Bändern..." Ich sagte: "Moment - das besorge ich." Ich habe alle
Schallplattenfirmen abgeklappert, und man hat mir von jeder
Schallplattenfirma Deutschlands die Senderechte an den Videoclips geben
lassen, damit die überhaupt für eine normale Lizenz gesendet werden
konnten. Hatte ich! Ich hatte die Verträge, ging zu dem
Rolf Spinnrads - leider lebt er nicht mehr, er hat ja den Hape
Kerkeling und auch den Otto entdeckt, war ein sehr innovativer
Redakteur - und sagt: "Schau mal, ich hab alles, wir können loslegen."
Er meinte aber: "Da bin ich ja als Redakteur und Regisseur eigentlich
überflüssig, das ist so nichts. Große Show, und die Künstler müssen
hier sein, und ich will mit denen abends essen gehen..." "Aber das
brauchst du doch alles gar nicht!" Er hat das einfach nicht mitgemacht.
Da bin ich zum Hessischen Rundfunk, hatte sehr gute Kontakte, hab denen
das Konzept vorgestellt. Die sagten dann: "Das Format ist nicht modern,
das ist ja Rundfunk im Fernsehen, so was macht kein Mensch." Das war
1976. Fünf Jahre später, also 1981, da war es der Renner. Also, das war
jetzt nur eine "Zwischenstory".
Warum ich ausgestiegen bin, ist relativ schnell erzählt: Es gab diese
"festen Freien", und die freien Mitarbeiter prozessierten gegen die
Rundfunkanstalten und gewannen dann auch den Prozess. Ich habe damals
auch gegen den WDR prozessiert und hatte ein Sonderurteil, das war was
Verrücktes auch für meine Kollegen. Ich habe dann zum Schluss aber
einen Fehler gemacht. Ich hatte folgendes Urteil in der ersten Instanz:
Der Mann ist fest anzustellen - in der Zeit, in der er derzeit
beschäftigt ist und zu den Bezügen, die er derzeit bekommt. Das war
sensationell, das kriegte keiner. Man konnte im WDR als fest
angestellter Rundfunkmoderator 7.000 bis 8.000 DM verdienen - durchaus
viel Geld. Ich arbeitete aber nur montags (Radiothek), dienstags
nachmittags zwei Stunden, dann hatte ich noch eine Rock 'n Roll-Sendung
von 1 oder 2 Stunden - also habe ich in der Woche ungefähr 6 Stunden
gearbeitet. Das musste man zwar vorbereiten, aber wenn du da zwanzig
Jahre im Geschäft bist, was bereitest du dann noch
vor? Das ist fertig, geht schnell, die Vorbereitung einer Sendung
dauerte eine halbe Stunde. Sagen wir mal, dass also 9 Stunden insgesamt
zusammen kamen. Für diese 9 Stunden bekam ich knapp 15.000 DM damals.
So eine Stunde brachte mindestens 400 DM an Honorar für einen Freien.
Jetzt hatte ich ein Urteil: "Der Mann wird 6 Stunden beschäftigt und
kriegt sage und schreibe 15.000 DM..." Der WDR ging in zweiter Instanz
in die Revision beim Oberlandesgericht - und ich habe wieder gewonnen.
Jetzt kam das Bundesarbeitsgericht. Wir sind da mit einem Rechtsanwalt
hin und sitzen da, und die Richterin in
ihrer schönen roten Roben sagte: "Ja wir fällen jetzt wohl ein Urteil
in Ihrem Sinne - aber wollen Sie denn überhaupt ein Urteil?" Da
guckte ich meinen Rechtsanwalt an, und sie sagt noch: "Sie können die
Klage zurückziehen, sie verlieren Ihren Sozialanspruch ja nicht." Mein
Rechtsanwalt fragte mich, was ich denn nun wolle. Ich sagte und war
wohl ein Volltrottel: "Ich will arbeiten dürfen. Mir geht es nicht um
eine Festanstellung, ich möchte gern arbeiten dürfen." Da schlug er
vor: "Dann ziehen wir die Klage zurück." Ich Trottel hätte das Urteil
nehmen sollen, hätte zum WDR sagen sollen: "Jetzt hab ich hier mein
dickes Urteil!" Darauf warteten doch viele meiner Kollegen. Wenn das
vom Bundesarbeitsgericht bestätigt worden wäre, hätten die ja alle
darauf geklagt, in den Zeiten angestellt zu werden, die sie anboten und
zu dem Geld. Das wäre sensationell gewesen, ich verdiente ja
vielleicht mehr als der Intendant. Das war schon verrückt. Und ich
Trottel zieh dann die Klage zurück und hab dann dem WDR geschrieben:
"Ich will ja nur arbeiten." Die haben dann gesagt: "Wunderbar", und ich
durfte auch weiter arbeiten.
Aber dann kam die zweite Phase 1980, es kam zu einer neuen Welle der
Entlassungen von freien Mitarbeitern. Mein zuständiger Redakteur durfte
mich nicht mehr weiter beschäftigen und meinte: "Posé, Du kriegst hier
keinen Job mehr, am 31. 12. ist für Dich hier Schluss." Ich war ja 7
Jahre beim WDR gewesen, und ich habe dann um einen Termin gebeten beim
Programmdirektor
Manfred Jenke. Doch der hat mich nicht empfangen, wollte mit
mir nichts zu tun haben. Und so habe ich am 31. 12. 1980 meine letzte
Sendung dort gemacht und war draußen.
Ich habe dann noch mal meinen Prozess geführt (die Richterin beim
Bundesarbeitsgericht hatte mir ja versichert, dass ich meinen
Sozialanspruch nicht verliere), und in der ersten Instanz wurde das
Ding abschmettert. Die Richter sagten: "Was will der Mann eigentlich,
der hat doch seine Klage zurückgezogen." Also hatte ich die
"Arschkarte" gezogen, kann man das so sagen?
Martin: Du bliebst dann aber konsequent und gingst nicht mehr zurück in den Rundfunkbereich?
Ulf: Ja, denn ich hatte Glück. Ich war ja ständig sehr
engagiert, hab zum Beispiel viele Jahre lang die historischen
Jahrmärkte moderiert für den
Harry Owens, der dann später diesen Zirkus Salome hatte. Oder der Bernhard Paul
vom Zirkus Roncalli, mit dem war ich damals befreundet, dem hab ich
geholfen, dass sein Zirkus heute überhaupt existiert, er schuldet mir
noch eine
Menge Geld. Er wird sie mir nie zahlen, aber er schuldet sie mir, weil
er damals gesagt hat: "Ulf, ich brauche Geld!" Ich war ja ein bekannter
Rundfunkmoderator, hab ihm zugesagt zu helfen. "Okay", sagte Bernhard,
"Du bekommst 12 Prozent Provision, wenn Du mir Sponsoren besorgst." Da
bin ich zu
Günter Hill, das war der Chef von Samson Tabak
(Niemeyer-Oldenkott), der kannte mich gut, hab ihm gesagt: "Der
Bernhard Paul, der früher mit André Heller den Zirkus hatte, will jetzt
in Köln einen neuen Zirkus Roncalli aufmachen. Wollte Ihr den nicht
sponsern?" Er erwiderte: "Herr Posé, wenn Sie das sagen, das ist eine
gute Sache, dann holen wir
notfalls was aus der Portokasse. Dann muss das gut sein." Der Bernhard
Paul hat
nach allem was ich weiß in 12 Jahren von Niemeyer-Oldenkott mehrere
Millionen DM an Sponsor-Geld bekommen und hat mir mein Geld nie
bezahlt... Da wäre ich ein reicher Mann gewesen. Also manche Dinge
laufen auch schon mal schief im Leben.
Aber zwei Jahre vor meinem Ausscheiden beim WDR erfuhr ich durch eine
Moderation auf einer Messe zum ersten Mal von "Trainingsseminaren".
Dann schickte mich ein Kunde in die Schweiz zu einem Trainer und sagte:
"Schauen Sie sich das einmal an." Ich entgegnete: "Was soll ich da, das
müssen Sie mir aber bezahlen." Ich habe dann sogar ein Honorar dafür
bekommen, das ich so ein Seminar besucht habe. Und ich hab dann die
Messe moderiert, die hieß IBA '78 oder so ähnlich. Ich fand das
faszinierend. Da konnte man was lernen. Ich hab erkannt: Das könnte
eine Alternative zum Rundfunk werden. Das war also 1978.
Zwei Jahre später war ich ja draußen, hab mich ausbilden lassen, hab
all mein Geld investiert, war dann pleite. Meine erste Ehe scheiterte,
weil meine Frau sagte: "Du bist wohl verrückt, setzt unser schönes
Gesellschaftsleben aufs Spiel..." Ich habe ja vorher in der
Philipshalle in Düsseldorf keinen Eintritt bezahlt. Wen ich dahin fuhr,
haben die nur gesagt: "Ulf Posé vom WDR - der darf hier rein." Ich
brauchte keinen Backstage-Pass, die Ordner wussten, wer ich war. Das
waren unvorstellbare Privilegien, die wollte meine Frau so nicht
aufgeben. Also hat sie sich von mir getrennt. Ich hatte also keinen Job
mehr beim Rundfunk, war pleite, die Banken nahmen mir die Scheckkarten
ab, drohten mir eine Kontokündigung an, und mein Auto war weg. Ich hab
mir von meinem Schwager immer den Wagen geliehen. Und dann hab ich nach
zweieinhalbjähriger Ausbildung als Trainer angefangen. "Hier bin ich,"
hab ich zu den Kunden gesagt, die mich fragten: "Für wen arbeiten Sie?"
Ich erwiderte: "Sie könnten der erste sein..." "Nein," haben die dann
gesagt, "wir wären lieber gern der zweite." So habe ich zwei Jahre lang
Hunger leiden müssen. Aber macht euch keine Sorgen, niemand muss
sammeln gehen für mich. Heute habe ich viel mehr Schulden als damals,
kann sie aber besser finanzieren. Also mir geht's gut. Ich bin seit 18
Jahren wieder verheiratet, hab drei Jungs, einen aus erster, zwei aus
zweiter Ehe, die sind jetzt 25, 16 und 14 Jahre alt. Meine zweite Frau
hat mich im "Elend" kennen gelernt, sie war Textilstudentin in
Mönchengladbach, ein bildhübsches Mädchen, ich hab mich in ihre Augen
und ihre Art verliebt. Sie war 22, als sie da so eine verkrachte
Rundfunkexistenz kennen lernte, aber sie hat das durch gestanden. Das
fand ich toll!
Ich hab also 1980 als Personalentwickler begonnen und betreue bis heute
in diesem Beruf verschiedene Konzerne und Unternehmen, wenn es um die
Frage geht: Wie stellen wir einerseits die Unternehmensziele mit einem
Minimum an Aufwand sicher und haben andererseits ein
verantwortungsvolles menschliches Miteinander als Kultur in unserem
Unternehmen. Ich sitze heutzutage in Jesteburg beim TÜV Nord und
versuche, den Führungskräften dort zu helfen im Rahmen ihrer
Führungsverantwortung, d.h. verantwortungsvoll mit dem Unternehmen und
ihren Mitarbeitern umzugehen.
Martin: Ich danke Dir ganz herzlich für dieses interessante und
von Dir so offen geführte Interview. Im Namen der Zuhörer überreiche
ich Dir eine Audio-CD mit Hannibal-Mitschnitten aus 1970. Auch Wolfram
Bender hat noch was für Dich...
Ulf: Ist ja toll, ich hatte ja bislang nichts aus der Zeit. Von
Euch habe ich die allerersten Aufnahmen aus dieser Zeit bekommen. Ich
besitze nur ein paar alte Fotoalben, sonst nichts. Vielen Dank,
wunderschön!
Dit interview in het Nederlands: "Gewoon lol, ze hadden er gewoon lol in"